Artikel vom: 17. Januar 2008
In den Tagen zwischen dem „Weihnachtszwölften“ (so heißt der 6. Januar, das Dreikönigsfest, in Österreich) und dem Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch rast in der Faschingshochburg Österreich der Bär im Kettenhemd – und alle rasen mit. In der Steiermark wird der Bär sogar gejagt. Völlerei und Frohsinn verwandeln eine ganze Nation in einen lachenden, singenden und tanzenden Hexenkessel. Ob daheim bei der TV-Faschingssitzung oder live mittendrin im „Gschnas“ (Maskenball), hier stürzen sich alle ins bunte Vergnügen. Singen, Tanzen, sich maskieren, an Faschingsumzügen teilnehmen und das lustvolle Leben von der ganz prallen Seite nehmen – das ist Fasching pur in Österreich.
Drei Tage voller Lebensfreude
Die Sicherstellung des leiblichen Wohls ist für die Faschingszeit oberstes Gebot. Speisekammer und Keller sollen schließlich leer sein, wenn die Zeit der Besinnung und des Fastens beginnt. Österreichische Narren schlemmen deshalb ungehemmt und feiern feucht fröhlich. Die nahrhaften Krapfen (Kreppel, Berliner) bereichern dabei traditionell jedes opulente Faschingsbuffet.
Das närrische Treiben beginnt mit dem “foasten” Donnerstag und steigert kontinuierlich sein Tempo, um dann in den “Drei heiligen Faschingstagen” (Sonntag bis Dienstag vor dem Aschermittwoch) zum siedenden Höhepunkt zu kommen.
Vom Nachbarn abgeschaut
Deutsche und österreichische Narren haben einander inspiriert. Das hat in den letzten Jahren zu einer Angleichung geführt, so dass wir heute in der närrischen Grundstruktur kaum noch Unterschiede bemerken. Was dem Deutschen Jecken der rheinische Karneval, ist dem Österreicher der Villacher Fasching. Beide unterhalten ihr Narrenvolk mit Faschingsgilden, Prinzenpaaren, Umzügen und Prunksitzungen. Dennoch sind in Österreich einige regionale Sonderformen erhalten geblieben. Im südöstlichen Österreich gibt es das Blochziehen und im Murtal das Faschingsrennen und Bärenjagen. Der Ebenseer “Fetzenfasching” ist weit über die Landesgrenzen berühmt. Im Ausseer Fasching laufen “Pless”, “Trommelweiber” und “Flinserl” bei den Umzügen mit, deren deutsches Pendant in den „Schwellköppen“ („Schwelles“) gesehen werden kann. In manchen Faschingsjahren können sich die Narren auch an den großen Umzügen der Tiroler Fasnacht erfreuen, die ihre typischen Masken präsentieren und dann auch deren Namen tragen. Da gibt es das “Schleicherlaufen” in Telfs, das “Schemenlaufen” in Imst, das “Schellerlaufen” in Nassereith, das “Muller-” bzw. “Huttlerlaufen” in Thaur und das “Wampelerreiten” in Axams. Und natürlich überall Bälle, Bälle, Bälle. Besonders in Wien. Hier kann man jeden Tag auf einen Ball gehen. Der bekannteste davon ist zweifelsohne der Wiener Opernball, ein Magnet für Promis jedweder Schattierung. Wer es nicht so glamourös liebt, kann den traditionellen Opernball in Alpbach besuchen. Dieser „kleine Bruder“ des Wiener Opernballs wartet nicht mit den echten Promis, sondern mit deren „Masken“ auf. Wer aber lieber läuft als tanzt, hat Spaß beim traditionellen maskierten Fassdaubenlauf auf den Kramsacher Pisten.
All dieser Übermut verlangt schließlich nach einem Schuldigen, dem man die närrischen Ausschreitungen samt und sonders zur Last legen darf. Seine öffentliche Hinrichtung entschuldigt alles, was in den letzten Tagen passiert ist und lässt die Menschen geläutert in die Fastenzeit gehen. Damit der Schuldige sich nicht verteidigt, muss es eine Puppe sein. Diese wird, je nach regionaler Tradition, begraben oder verbrannt. Hier und da wird auch eine „Geldbeutelwäsche“ am Aschermittwoch durchgeführt.
Auch in Deutschland endet der Fasching mit dem Aschermittwoch und auch hier wird ein Stroh-Mann gebraucht. So verbrennt der „Nubbel“ als allein Verantwortlicher für alle Sünden. In Düsseldorf und Umgebung wird der „Hoppeditz“ beerdigt, um zu demonstrieren, dass von nun an Schluss ist mit Lustig.
In Teilen von Tirol und Vorarlberg endet der Fasching allerdings später, nämlich erst am 1. Sonntag in der Fastenzeit. An diesem Tag wird neben Holzstößen auch eine Puppe, die “Hex”, in Brand gesteckt und brennende Holzscheiben werden mit Stangen in das Tal geschlagen („Scheibenschlagen“).
Der Villacher Fasching
Der traditionsreiche Villacher Fasching fand erstmals im Jahre 1867 statt. Hunderte maskierte Teilnehmer und eine hoch zufriedene Villacher Kaufmannschaft sollten sich ab jetzt jedes Jahr einen Spaß daraus machen, mit einem Augenzwinkern närrische Verunglimpfungen zu präsentieren.
Im Jahr 1908 wurde der Fasching erstmals durch den “Villacher Bauernball” bereichert, der sich in 1955 zum “Villacher Fasching” neuer Zeitrechnung weiterentwickelte. Das war die eigentliche Geburtsstunde der neuen Sonne am Faschingshimmel. Bereits drei Jahre später nahmen schon 50 Lokale am närrischen Treiben unter dem Motto “Fasching in ganz Villach” teil. Der dazugehörige “Faschingsumzug” war und blieb eine sensationelle Schau und fiel im Jahr 1960 anlässlich des 900. Geburtstags der Stadt Villach natürlich besonders prunkvoll aus.
Die ungebremste Begeisterung der Villacher Narren machte im Jahr 1961 die erste “Villacher Faschingssitzung” möglich, die bereits im Radio übertragen wurde. Zwei Jahre später konnten auch die Zuschauer daheim dank des Österreichischen Fernsehens zum ersten Mal bei Ausschnitten aus einer Faschingssitzung mitlachen. In 1964 wurde die “Villacher Faschingsgilde” dann ein selbständiger Verein, der wenig später dem “Bund Österreichischer Faschingsgilden” beitrat. Es ist das unumstrittene Verdienst des Villacher Fasching, auch den Rest von Österreich närrisch gemacht zu haben. In Kärnten und weiteren Bundesländern schossen Faschingsgilden à la Villach wie Pilze aus dem Boden. Die Villacher erschufen einen einmaligen Fasching, der ganz Österreich erfreut und sich dennoch bis heute sein Lokalkolorit erhalten hat. Der “Villacher Fasching” gehört inzwischen zu den ältesten regelmäßigen Programmpunkten mit höchsten Einschaltquoten im ORF. Die Villacher Faschingsgilde mit dem Namen LEI-LEI ist absoluter Kult.
Weiterführende Links:
Österreicher mögen die Faschingszeit
Karnevalshochburg Köln
Fasching in Österreich (AEIOU)
Lasst die Narren von der Leine (Reiseblog.at)
Weihnachten in Österreich
Ostern in Österreich