Wiener Kaffeehaus-Kultur

Artikel vom: 30. November 2005


„Auf der ersten Silbe betont, bezeichnet Kaffee ein Getränk, auf der zweiten betont, bedeuten Café und Kaffeehaus in Wien und Österreich eine Lebensform“, schrieb Hans Weigel 1978. Dieser Satz hat mit Sicherheit bis heute Gültigkeit: Es gibt in Wien mehr als 700 Kaffeehäuser, nicht mitgezählt die zahlreichen Café-Bars, Café-Restaurants und Pizza-Cafés. Darunter befinden sich ungefähr 100 klassische Kaffeehäuser, wo die Bedienung noch schwarz-weiß trägt und die Einrichtung so einfach ist wie in der „guten, alten Zeit“: Holzboden, Marmortische, simple Sessel und plüschige Bänke.

Jede „Szene“ hat in der Donaumetropole ihr Stammcafé: die Beamten der Ministerien etwa das Café Ministerium am Georg-Coch-Platz, die Kunst-Studenten das Prückel am Stubenring, die Politiker das Landtmann am Dr.-Karl-Lueger-Ring. Im Kaffeehaus wird philosophiert, meditiert, tachiniert, Zeitung gelesen, getratscht, geknutscht, Billard oder Schach gespielt, mit Fremden über Gott und die Welt diskutiert und vieles mehr. Ja, und natürlich auch Kaffee und Kuchen genossen.

Wien wäre eben „eine zum Mittelmeer gewendete, ursprünglich römische Stadt“, erklärte der große Romancier Heimito von Doderer 1960. Deshalb fände man in den Wiener Cafés auch „jene meditative Stille und das zweckfreie Vergehen lassen der Zeit, das jeder kennt, der ein orientalisches, ein türkisches Café besucht hat.“

Tradition und Trubel
In den beliebtesten Kaffeehäusern der Stadt merkt man davon allerdings weniger. Zum Beispiel im Café Central in der Herrengasse und im Griensteidl am Michaelerplatz. Das ehemalige Literatencafé Griensteidl, seit 1990 in einem neuen Haus am alten Platz wiedereröffnet, liegt exakt an der touristischen Pilgermeile Hofburg-Kohlmarkt-Graben-Stephansplatz. Es ist für Wien-Besucher der am meisten geeignete Ort, um müde Füße auszustrecken und sich mit heißem Kaffee wieder auf Touren zu bringen.

Das Café Central – seine große Säulenhalle wurde 1986 aufwendig wiederhergestellt – findet man nur 100 Meter weiter Richtung Uni bzw. Votivkirche. Beide Lokale blicken auf eine lange Tradition zurück. Speziell die Atmosphäre des „alten“ Griensteidl ist legendär: Sieben intensive Jahre, von 1890 bis 1897, war das Café im ehemaligen Palais Dietrichstein Wiens bedeutendste kulturelle „Institution“. Kaum ein namhafter Schriftsteller, Schauspieler, Kritiker, Architekt oder Musiker des Fin de Siècle, der nicht hierher kam. Die bedeutendsten Vordenker der Wiener Moderne gruppierten sich hier fast vollständig um die kleinen Marmortischchen: Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Hugo Wolf, Fritz Kreisler, Arnold Schönberg und viele andere. Ein „verdichtetes System von Energiekreisen“, schrieb Edward Timms, von dem „erstaunliche schöpferische Energie“ ausging.

1897 fiel das Griensteidl – wie auch die Basteien und zahlreiche Gebäude am Graben und am Neuen Markt – der Spitzhacke zum Opfer. Halb nostalgisch, halb ironisch klagte Karl Kraus in „Die demolierte Literatur“: „Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit entgegen, der Faden der dichterischen Produktion wird grausam abgeschnitten.“ Zum Glück existierten andere Cafés weiter. Die Stammgäste des Griensteidl übersiedelten ins Café Central.

Wiener Kaffeespezialitäten:

* Mokka: (kleiner) schwarzer Kaffee, stark, ohne Milch
* Melange: halb Milch, halb Kaffee, oft mit Schlagobershaube
* Cappuccino: starker Kaffee mit viel Milch, mit einer Haube aus geschäumter Milch und Schokostreuseln
* Kapuziner: (großer) schwarzer Kaffee mit einem Schuss Milch
* Franziskaner: (lichte) Melange mit Schlagobershaube
* Einspänner: Mokka im Glas, mit Schlagobers
* Fiaker: Mokka im Glas mit einem Schuss Rum
* Türkischer: ein auf türkische Art, also ungefiltert zubereiteter Mokka

Wien Guide

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