Austrofaschismus: Engelbert Dollfuß – Eine Präfiguration?

Artikel vom: 25. Januar 2009


Sein Bild hing noch bis vor kurzem in der Parteizentrale der ÖVP. Die Rede ist von Engelbert Dollfuß, dem Erfinder des Austrofaschismus, welcher in der heutigen geschichtlichen Betrachtung sehr zwiespältig wahrgenommen wird.

Einerseits wird er als vermeintlicher Retter vor dem unausweichlich nahenden nationalsozialistischem Regime gesehen, andererseits war er in seiner Staatsführung lediglich die Präfiguration des drohenden politischen und ethischen Untergangs Österreichs.

Katholik Dolluss als uneheliches Kind geboren
Engelbert Dollfuß, welcher in Niederösterreich als uneheliches Kind einer Bauerntochter geboren wurde, brachte es unter diesen schwierigen Vorzeichen durch Stipendien und einen stark ausgeprägten Willen und Selbstbewusstsein 1931 bis zum Landwirtschaftsminister.

Minister in letzter demokratischer Regierung vor austrofaschistischer Machtergreifung
Diese Regierung war noch demokratisch gewählt worden, doch ist anzumerken, dass sich seit dem Jahre 1929 Regierungen nie mehr länger als einige Monate hielten und die politischen und wirtschaftlichen Umstände eine konstruktive Politik des Miteinander beinahe unmöglich machten.

Am 10. Mai 1932 wurde Dollfuß regulär zum Bundeskanzler gewählt und mit der Erstellung der Regierung betraut. Doch weder die Sozialdemokraten noch die Nationalsozialisten waren zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit, weshalb die Situation letztendlich im Zuge des Eisenbahnerstreiks eskalierte. Die Regierungsmitglieder konnten sich nicht über die Eisenbahnergehälter einigen, weshalb die drei Nationalratspräsidenten zurücktraten und das Parlament beschlussunfähig machten.

Notverordnungsrecht beendet die Demokratie in Österreich
In dieser Situation verkündete Dollfuß die Selbstauflösung, und benutzte das Notverordnungsrecht aus dem Jahre 1917 um im Alleingang eine diktatorische Regierung aus der Taufe zu heben. Der christlich-soziale Ständestaat war geboren. Dieses neue Staatsmodell orientierte sich stark am Katholizismus und am italienischen Faschismus und bediente sich ähnlich den deutschen Nachbarn den Verdikten der Zensur und massentauglicher Großveranstaltungen, welche das zunehmend verunsicherte Volk auf die Regierung und einheitliche Werte einschwören sollten. Es wurden Gottesdienste in gigantischem Ausmaß in Stadien gefeiert und die Rückbesinnung auf traditionelle Bräuche und kirchlich geprägte Sitten gesetzt.

Bollwerk vor Nationalsozialisten?
Zudem ließ Engelbert Dollfuß keinen Zweifel aufkommen, dass er das Land im Alleingang retten wolle und sich und die gewählte Staatsform als Bollwerk gegen die deutsche Übernahme verstand. Dem Diktator war jedoch keine lange Regentenzeit beschieden, denn bereits im Juli 1934 gelang ein von langer Hand geplanter Putschversuch der Nationalsozialisten. Die Aufständischen besetzten die Radiostationen und das Bundeskanzleramt und ermordeten Dollfuß mit zwei lebensbedrohlichen Schüssen.

Weiterführende Links:
Engelbert Dollfuß – Wikipedia
Dollfuß für 40 Prozent “unbekannt” – orf.at
Wie kam Dollfuß in den ÖVP-Klub? - diepresse.com

Weitere historische Themen:
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